Der 27. Oktober bündelt ukrainische Geschichte in unterschiedlichen Registern: 1659 verhandelt das Hetmanat in Perejaslaw unter Zwang seine Autonomie neu; 1938 wird die Kunst in einer zentralen Organisation auf die Linie des Sozialistischen Realismus verpflichtet; 1939 inszeniert das sowjetische Besatzungsregime in Lwiw die „Wiedervereinigung“ mit der Ukrainischen SSR; 1944 endet in Uschhorod die ungarisch-deutsche Besatzung; 1967 wird nahe Kachowka die „Legendäre Tatschanka“ feierlich enthüllt; 2020 erschüttert ein Urteil des Verfassungsgerichtshofs das Rückgrat der Antikorruptionsarchitektur; 2023 wird der Tag der ukrainischen Schrift und Sprache erstmals auf den 27. Oktober verlegt begangen. Diese Auswahl ordnet sieben exakt datierte Ereignisse ein, verknüpft Orte, Akteure und Institutionen und zeigt, wie sehr Fragen von Souveränität, politischer Ordnung, Kulturpolitik und Sprache in der Ukraine miteinander verwachsen sind.
Ukraine am 27. Oktober
27. Oktober 1659: Perejaslawer Artikel beschneiden das Hetmanat
Am 27. Oktober 1659 (17. Oktober nach julianischem Kalender) schloss Hetman Jurij Chmelnyzkyj in Perejaslaw mit dem Gesandten des Moskauer Zaren, Fürst Alexei Trubetskoi, die Perejaslawer Artikel. Die Neufassung der Beziehungen band das Hetmanat eng an Moskau: Auswärtige Kontakte wurden untersagt, in Schlüsselstädten konnten Moskauer Garnisonen stehen, finanzielle Kontrollrechte der Woiwoden wurden ausgedehnt. Damit verschob sich die Machtbalance deutlich zuungunsten der ukrainischen Seite und leitete eine Phase wachsender Abhängigkeit des Linksufergebietes ein. Bereits 1660 wurde diese Ordnung im Vertrag von Slobodyšče von der polnischen Seite konterkariert – ein beredtes Zeugnis der damaligen Zwangslage, in der ukrainische Eliten zwischen Imperien manövrieren mussten.
27. Oktober 1938: Die Union der sowjetischen Künstler der Ukraine entsteht in Kyjiw
Auf dem I. Kongress der Künstler der Ukrainischen SSR wurde am 27. Oktober 1938 in Kyjiw die „Spilka radjanskych chudožnykiv Ukrajiny“ gegründet, die spätere Künstlerunion der Ukraine. Der Beschluss beendete die Vielfalt konkurrierender Vereinigungen und ordnete Ausbildung, Ausstellungswesen und Auftragsvergabe zentral. Leitbild war der Sozialistische Realismus; abweichende Avantgardeströmungen wurden an den Rand gedrängt. Die Institution existiert heute als Nationale Künstlerunion der Ukraine, die ihre Entstehungsbedingungen reflektiert, zugleich aber als Berufsvertretung wirkt. Dass der Gründungskongress im Herbst 1938 in Kyjiw stattfand, unterstreicht die damalige Rolle der Hauptstadt als Schaltstelle sowjetischer Kulturpolitik.
27. Oktober 1939: Die Volksversammlung der Westukraine verlangt Anschluss an die UkSSR
In Lwiw verabschiedete die vom sowjetischen Besatzungsregime organisierte Volksversammlung der Westukraine am 27. Oktober 1939 eine Deklaration, die die Einführung sowjetischer Herrschaft, den Beitritt zur UdSSR und die „Wiedervereinigung“ mit der Ukrainischen SSR forderte. Die formale Legitimierung folgte am 1. November 1939 durch Gesetze der obersten Sowjetorgane. Der Beschluss markierte den Beginn radikaler Umgestaltungen: Enteignungen, Repressionen und Deportationen griffen tief in die Gesellschaft ein. Der 27. Oktober steht damit für die Ambivalenz zwischen gesamtukrainischer Einheitserzählung und tatsächlich erzwungener Eingliederung unter sowjetische Herrschaft.
27. Oktober 1944: Der 4. Ukrainische Front befreit Uschhorod
Im Verlauf der Ostkarpatisch–Uschhoroder Operation eroberte der 4. Ukrainische Front am 27. Oktober 1944 Uschhorod und beendete dort die ungarisch-deutsche Besatzung. Die Tage zuvor hatten die Truppen Mukatschewo (26. Oktober) genommen, die Offensive an der Theiß vorangetrieben und damit den westlichsten Raum der heutigen Ukraine erreicht. Der 28. Oktober wurde in der unabhängigen Ukraine später als landesweite Gedenk- und Erinnerungsschneise für die Vertreibung der nationalsozialistischen Besatzungsmacht etabliert – eine Festlegung, die in der Forschung und Erinnerungskultur wegen des späteren Kriegsendes am westlichsten Rand (u. a. bei Tschop) und wegen der anschließenden sowjetischen Repressionen kritisch diskutiert wird. In Transkarpatien verbindet das Datum von Uschhorod lokal die Erinnerung an Befreiung mit dem Beginn einer neuen, sowjetischen Ordnung.
27. Oktober 1967: Bei Kachowka wird das Monument „Legendäre Tatschanka“ enthüllt
Zwischen Kachowka und Nowa Kachowka wurde am 27. Oktober 1967 das monumentale Bronzedenkmal „Legendäre Tatschanka“ eröffnet. Das Werk der Bildhauer Jewgenij Lochowinin und Lew Mychajlenko sowie des Architekten Jewhen Poltorazkyj inszeniert die Bürgerkriegskämpfe am Kachowkaer Brückenkopf (1920) als Gründungsmythos der Sowjetmacht. Als Denkmal der Monumentalkunst ist die Tatschanka heute dokumentiert, zugleich aber Gegenstand der Debatte, wie mit sowjetischen Symbolen in einem von Krieg und Okkupation gezeichneten Süden umzugehen ist. Der 27. Oktober steht hier für die ästhetische Verankerung einer offiziellen Erinnerung, deren historische Deutung inzwischen kritisch ausbalanciert wird.
27. Oktober 2020: Das Verfassungsgericht stoppt zentrale Teile der E‑Deklarationen
Der Verfassungsgerichtshof der Ukraine erließ am 27. Oktober 2020 die Entscheidung Nr. 13‑р/2020 und erklärte Kernnormen des Gesetzes „Über die Korruptionsprävention“ sowie den Straftatbestand vorsätzlich falscher Vermögensangaben für verfassungswidrig. Die Veröffentlichung am 28. Oktober legte das elektronische Erklärungssystem vorübergehend lahm und löste eine Staatskrise zwischen Gericht, Exekutive und Parlament aus. Die Venedig‑Kommission befasste sich umgehend mit Inhalt, Zustandekommen und Folgen des Urteils. In Kyjiw reagierten Regierung und Werchowna Rada mit Eilverfahren, um Integritätsmechanismen wiederherzustellen – ein neuralgischer Punkt im fortlaufenden Reformprozess.
Ein Datum, viele Geschichten
Der 27. Oktober zeigt die Ukraine als Raum permanenter Aushandlungen: zwischen selbstbestimmter Ordnung und fremder Rahmensetzung im Hetmanat, zwischen künstlerischer Freiheit und staatlicher Steuerung im sowjetischen Kulturfeld, zwischen lokaler Befreiungserfahrung und der Ambivalenz eines offiziell fixierten Gedenkdatums im Jahr 1944 sowie zwischen rechtsstaatlicher Konsolidierung und Krisenbewältigung in der Gegenwart. Mit der Verlegung des Tages der ukrainischen Schrift und Sprache auf den 27. Oktober gewinnt der Kalender ein weiteres Datum, das Geschichte, Erinnerung und Identität miteinander verschränkt. So entsteht über Jahrhunderte ein Tag, an dem Akteure, Institutionen und Orte – von Perejaslaw und Lwiw bis Uschhorod und Kachowka, von Jurij Chmelnyzkyj bis zum Verfassungsgerichtshof der Ukraine – die Facetten ukrainischer Staatlichkeit, Kultur und Sprache sichtbar machen.
Redakteurin: Mira Cadena (Artikel mit KI-Unterstützung).